Ganz Europa wurde letzten Sommer vom Fussballfieber gepackt und die EM 2024 lockte die besten Spieler und viele Fans nach Deutschland für ein riesiges Fussballspektakel. Dabei zeigte sich die Schweizer Nationalmannschaft erneut von ihrer besten Seite und hat die ganze Schweiz in Ekstase versetzt.
Ich war nicht nur dabei sondern mittendrin in diesem Fussballfest an verschiedenen Orten in Deutschland. Ich nehme euch gerne mit auf meine Reise und gebe euch einen Einblick in das Leben eines Journalisten während eines solchen Grossanlasses.
Die Vorbereitung
Die Reise an die Fussball-Europameisterschaft in Deutschland fing allerdings nicht mit der ersten Zugfahrt an, sondern schon gut ein halbes Jahr bevor der erste Ball in den Stadien gespielt wurde. Die UEFA, die Organisation, welche in Europa für die internationalen Turniere zuständig ist, ist sehr strickt bei der Auswahl von Personen an ihren Anlässen. Deshalb musste ich mich und mein Medium schon im Januar von der zuständigen Abteilung prüfen lassen. Was nach einem einfachen Prozedere klingt, brauchte die UEFA im Endeffekt über vier Monate, bis ich dann die offizielle Akkreditierung für die Europameisterschaft erhielt. Dies gerade einmal zwei Wochen bevor die Schweiz ihr erstes Gruppenspiel bestritt.
Nach dem kurzzeitigen Freudentaumel über den Erhalt der Zusage ging es deshalb direkt ans Kofferpacken, Hotelbuchen und sich Einstimmen auf die EM. Nur noch etwas trennte mich von meinem Glück an der EM: Eine stundenlange Odyssee mit der Deutschen Bahn.
Bild: Presseausweise für EM 2024
30. Januar 2024
Anfrage bei der UEFA für Akkreditierung
30. Mai 2024
Akkreditierungs-bestätigung
14.Juni 2024
Bahnreise nach Köln
15. Juni 2024
Startspiel der Schweiz gegen Ungarn
23. Juni 2024
Gruppenspiel gegen Deutschland
29. Juni 2024
Achtelfinale gegen Italien
6. Juli 2024
Viertelfinale gegen England
7. Juli 2024
Willkommens-feier Nati in Zürich
Die Reise
Um die Kosten möglichst tief zu halten, habe ich den Grossteil der Reisen mit dem Zug absolviert. Da die Spiele der Schweizer Nati in ganz Deutschland (Köln, Frankfurt, Berlin und Düsseldorf) verteilt waren und ich zwischen den Spielen wieder zurück nach Schaffhausen musste, sass ich über 50 Stunden in den Zugabteilen.
Gut, zum Teil war sitzen gar nicht mehr möglich, weil die Züge wegen Ausfällen und Verspätungen derartig überfüllt waren. Gerade bei der ersten Reise nach Köln blieb ab Stuttgart als einziger Ausweg nur noch das zusammengedrängte Stehen zwischen den Abteilen. Wenig überraschend waren auch meine Fahrten nicht ganz frei von Vorfällen. Aufgrund technischer Defekte lernte ich unter anderem den Bahnhof von Böblingen kennen oder durfte wegen eines Komplettausfalles in einer abendlichen Rettungsaktion meine ganze Reise nach Berlin nochmals umplanen, um nur zwei zu nennen.
Abb: Meine Reisewege während der EM nach Köln, Frankfurt, Berlin und Düsseldorf
Dafür fühlte es sich dann umso besser an, wenn man sich im Zug in seinem Sitz niederlassen konnte, umgeben von vielen Fans aus der Schweiz, die schon im Zug Stimmung machten. Singend, johlend und vor allem auch trinkend verkürzten sich die Fans so die Fahrzeit. Die einen sogar mit ihrem privaten Bierfass auf dem Zugtischchen.
So schaukelte sich die Stimmung im Zug immer weiter hoch und je weiter die Schweizer Nati im Turnier kam, desto feuchtfröhlicher wurde es in den Zügen. Dies auch zu meiner Unterhaltung. Bei der letzten Reise in Richtung Düsseldorf schaffte es ein einzelner Fan mit seinen Gesängen allen Schweizer Fans ein Lächeln und den Deutschen ein paar verzweifelte Stirnfalten ins Gesicht zu zaubern. Das schaffte er alleine mit diesen wenigen Worten:
Deutschland ist Raus, Deutschland ist Raus!
Schweizer Fan im Zug nach Düsseldorf
Nervig? Natürlich. Aber gewissermassen auch eine kurzzeitige Ablenkung von der öden Zugfahrerei. Und nach 10 Minuten gaben dann seine Stimmbänder auch auf, womit im Zug um halb 10 in der Nacht wieder etwas Ruhe einkehrte.
Das Leben vor Ort
Diese erholsame Ruhe währte jeweils nur kurz: Sobald ich einen Schritt aus dem Zug machte, erfasste mich die Fussballstimmung der elektrisierten Menschenmenge. Sofort schoss das Adrenalin in meine Adern und ich wurde Teil der Fussballfanmassen. Nur kurz ins Hotel um die hinderlichen Taschen abzulegen und sofort ging es auch schon wieder ins Getümmel.
Schweizer Fans in Düsseldorf vor dem Viertelfinale
Englische Fans vor dem Viertelfinale gegen die Schweiz
Treffpunkt Schweizer Fans für den Fanmarsch in Düsseldorf
Verirrte Holländische Fans in Düsseldorf
Fanmassen strömen in die Fussballstadien
Alles befand sich im Ausnahmezustand. Niemand konnte der Faszination der breiten Masse für Fussball entgehen. Dank der guten, sportlichen Leistungen der Schweiz und des Gastgebers Deutschland war die Euphorie die ganze Zeit spürbar. Überall gefüllte Bars, zahllose Public Viewings und riesige eigens aufgebaute Fan-Zonen. In der feiernden und zumeist gut angetrunkenen Menschenmasse traf man viele Vertreterinnen und Vertreter aller beteiligten Nationen: Niederlande, Schottland, Ungarn, Frankreich, Tschechien, Albanien, England, Georgien um nur ein paar zu nennen.
Dies hat meine Interviewfähigkeiten ordentlich strapaziert, um genauer zu sein, meine Fremdsprachenkenntnisse: Hochdeutsch, Englisch und Französisch mussten im Ernstfall sitzen. Das gelang auch meistens– mal besser, mal schlechter – doch am Ende hat man sich immer verstanden.
Bild: Interview mit Westschweizer Fans
Auch wenn das Treiben vor Ort zum Eintauchen in das Fanleben einlud, rief am Abend vor den Spielen schon die Arbeit: In den um die Stadien errichteten Container-Siedlungen konnten Journalistinnen und Journalisten ihrer Arbeit frönen und sich zudem auch im Stadion an den offiziellen Pressekonferenzen teilnehmen.
Jede Nationalmannschaft war verpflichtet, ein Tag vor den Spielen mit dem Trainer und einem Spieler sich den Fragen der Journalisten zu stellen. Dies war für mich auch die einzige Möglichkeit, mit dem Nati-Trainer Murat Yakin in Kontakt zu treten. Vor und nach den Spielen stand er nicht für Fragen zu Verfügung. Von den über 50 Anwesenden Personen in dem Konferenzsaal doch etwas nervös gemacht, brauchte ich drei Spiele bis ich mich endlich getraute, vor versammelter Belegschaft Murat Yakin zu befragen. Und ich muss sagen, für mich war dieser kleine Mutschub auch mein berufliches Highlight der EM 2024.
Video: Nati Trainer Murat Yakin in der Pressekonferenz vor dem Italienspiel(Quelle: SRF)
Im Weiteren ergaben diese Fragen im Plenum allerdings selten wirklich etwas Brauchbares. Trotzdem konnte man sich bei dem kurzen Pläuschchen mit den Verantwortlichen direkt in das Spiel vom darauffolgenden Tag einfühlen.
Tag X im Stadion
Mit schon etwas zittrigen Händen und schlotternden Knien ging es nach einer letzten Entspannungsphase erneut ins Getümmel der jetzt noch aufgeheizteren Fanmassen in den Städten. Die Strassen und Gassen waren dicht, ein Durchkommen glich einem Hindernisparcours. Einziger Ausweg: Die überfüllte Strassenbahn, die sich von dem ganzen Getümmel nicht aufhalten liess.
Video: Aussicht von meinem Kommentatorenplatz aus
Beim Stadion angekommen konnten die Vertreter der Presse einen separaten Eingang benutzen, um den langen Warteschlangen der anstehenden Fans zu entgehen. Dafür kam Flughafen-Feeling auf, da man noch durch zwei Sicherheitsschleusen musste und auch das Gepäck auf das Genaueste durchleuchtet wurde. Ohne den zum Beginn des Turniers erhaltenen Badge kam man erst gar nicht rein. Nach der Sicherheitskontrolle wurde man dann wieder Teil der Fanmassen, was ein schnelles Vorwärtskommen unmöglich machte.
Im Stadion, nach langem Anstehen und Warten endlich auf dem eigenen Sitzplatz angekommen, hiess es nur noch eins: Die Spiele der Schweizer Nati geniessen. Ohrenbetäubend war die Stimmung im Stadion. Die Schweizer Fans heizten richtig ein, Fangesänge statt Pfeifkonzerte, so wie man es sich bei einem guten Fussballspektakel wünscht. Schon bei der Nationalhymne schoss Adrenalin durch meine Blutbahnen und meine Nackenhaare sträubten sich. Ein letztes Mal noch das Mikrofon checken, damit nachher bei der Übertragung nichts schiefläuft. Zu fest eintauchen in die Emotionen darf man als Kommentator allerdings nicht. Der Fokus muss weiterhin auf dem Spielgeschehen liegen. Mit den Notizen auf den Knien und dem Mikrofon in der Hand habe ich so die Spiele der Schweiz aus den Deutschen Stadien nach Schaffhausen übertragen.
Video: Hymne (Quelle: Majdoub Najeh)
UEFA-Choreographie vor jedem Spiel
Feiernde Schweizer nach dem Sieg gegen Italien (Quelle: Majdoub Najeh)
Feiernde Schweizer Fans im Achtelfinal (Quelle: Majdoub Najeh)
Feiernde Schweizer Fans im Achtelfinal (Quelle: Majdoub Najeh)
Der Schweizer Sektor in Berlin (Quelle: Majdoub Najeh)
Schweizer Choreografie vor dem Spiel gegen Deutschland
Deutsche Choreografie im Spiel gegen die Schweiz
Beim Kommentieren habe ich auch alles gegeben, damit die Leute Zuhause möglichst sich wie im Stadion fühlten. Trotz dicker Kopfhörer musste ich wegen den um mich herum sitzenden Fans teilweise ins Mikrofon schreien, damit man mich verstanden hat. Dabei habe ich in manchen Situationen meinen Emotionen etwas freien Lauf gelassen .
Audio: Best-Of meiner Kommentatoreneinsätze
Auch wenn es so klingt, als hätte ich schon auf der Tribüne meine gänzlichen Energiereserven aufgebraucht, ging es direkt nach dem Abpfiff noch weiter mit dem anstrengendsten Teil der Arbeit: Die Interviews mit den Spielern.
Das Nachspiel nach dem Spiel
In Windeseile vom obersten Tribünenrang ins Untergeschoss, zum Teil durch die Tiefgarage, bis hin zum blauen Teppich, der für die Spieler ausgerollt war. Also einfach Mikrofon rausholen und mit den Spielern reden. So einfach war es allerdings leider nicht.
Einerseits war dort unten alles streng reglementiert: Jede Kategorie an Journalistinnen und Journalisten hatte seine vorbestimmte Position, wo man sich aufhalten durfte. Da sind dann schnell mal um die 50 Journalisten auf drei, vier Quadratmetern zusammengepfercht.
Bild: Manuel Akanji im Interview
Nicht bei allen Spielen war es jedoch gleich eng: Je nach Stadion haben sich die Interview-Anlagen unterschieden: Am einen Ort war es einfach ein langer Korridor, an den anderen Orten gab es drei festgeschriebene Podien, auf denen die Spieler bei einer Art Mini-Pressekonferenz die Fragen mehrerer Journalisten beantworteten. Eigentlich hätten alle Fragen stellen können, jedoch drängten sich klar die grösseren und bekannteren Medien in den Vordergrund. Auch wenn da mindestens drei Spieler vor mir standen, war dies noch keine Garantie, eine Frage stellen zu können.
Bild: Yann Sommer ausser Reichweite
Mit leeren Händen wollte ich jeweils aber nicht wieder gehen. Bis zu zwei Stunden stand man in den Katakomben und hat gehofft, dass man ein Interview kriegt. Das lag daran, dass die Spieler nach der ersten Interview-Runde zurück in die Kabine gingen, duschten, anzogen und sich danach direkt auf den Weg zum Bus machten. Auf diesem Weg, von der Kabine zum Bus, konnte man nochmals versuchen mit den Einzelakteuren ein direktes Interview zu bekommen.
Bild: Robert Andrich im Interview mit Radio Munot und weiteren Medien
Ich musste viel Mut aufbringen, um die Spieler auch wirklich anzusprechen. Auch wenn sie den Feierabend schon vor Augen hatten, waren viele gerne bereit, noch ein paar Fragen zu beantworten. So konnte ich auch noch Interviews mit Schweizer Spielern wie Kwadwo Duah, Breel Embolo, Fabian Schär, Riccardo Rodriguez und Weiteren, auch Deutschen Spielern wie Robert Andrich oder Maxi Beier, ergattern.
Bei diesen bekannten Spielern gesellten sich, sobald die erste Frage gestellt worden war, direkt weitere Journalisten dazu und übernahmen die Antworten auch für sich selber. Manche Kollegen fragten, manche nicht. Meine erste Erfahrung mit internationalen Journalistenkollegen: Viele sind hilfsbereit und kollegial unterwegs, andere sind und bleiben Einzelkämpfer.
Aus diesem Kollektiv habe ich dann diverse andere Journalisten kennengelernt. Unter anderem das regionale Radiopendant zum Radio Munot in Frankfurt, einen Videojournalisten aus Griechenland oder auch einen Algerischen Fotografen, der mir, nachdem ich ihm bei seinen technischen Problemen ausgeholfen hatte, netterweise ein paar seiner Schnappschüsse und Videos zur Verfügung stellte. Genau in diesen Situationen merkt man, dass, obwohl man sich durch die Sprache oder auch die Nation unterscheidet, in der beruflichen Leidenschaft zusammenhält und wenn nötig sich auch unter die Arme greift, statt die Ellenbogen auszufahren.
Bild: Mein Fotograf der EM (Quelle: Majdoub Najeh)
Unter den vielen Bekanntschaften, die ich in den Katakomben der Stadien machen durfte, war auch noch eine besondere mit dabei: Ich habe nach dem Ausscheiden der Schweiz gegen England noch kurz mit dem Chefredaktor von Blue Sport, Andreas Böni, über seine bisherigen Erfahrungen an Grossanlässen sprechen dürfen und habe ihn da auch noch nach ein paar Tipps für meinen beruflichen Werdegang gefragt. Seine Weisheiten und Erfahrungen aus den über 20 Jahren im Geschäft kann ich nicht in ein paar Worten zusammenfassen. Deshalb könnt ihr das ganze Interview mit Andreas Böni selber anhören.
Bild: Andreas Böni, Chefredaktor bei Blue Sport
Audio: Interview mit Andreas Böni zu seinen Erfahrungen
Mit diesem Aufeinandertreffen der Generationen der journalistischen Erfahrung und einer über sechsstündigen Zugfahrt in die Heimat neigte sich mein EM-Abenteuer in Deutschland langsam aber sicher dem Ende zu. Einen letzten Höhepunkt aber hatte diese Reise zum Abschluss noch in Zürich.
Rückkehr der Helden
Kaum wieder in Schaffhausen angekommen, ging es am selben Tag weiter nach Zürich, wo die Schweizer Nationalmannschaft ein Tag nach dem EM-Aus von einer frenetisch jubelnden Masse empfangen wurde. Ich bin zwar schlecht im Schätzen, aber ich würde sagen, die Anzahl Fans bewegte sich im mittleren vierstelligen Bereich.
Bild: Ankunft Schweizer Nati in Zürich mit Begrüssungskomitee
Nach drei Wochen intensivster Arbeit, DB-geschädigt und einer regelrechten Odyssee durch Deutschland war diese Feier der erste Moment, in dem die Anspannung der letzten Wochen abfiel. Bis dahin konnte ich das ganze Erlebnis auch noch gar nicht begreifen, so akribisch war ich an die Sache herangegangen. Als dann die Spieler von den Fans nochmals bejubelt wurden, merkte ich erst, dass mein grosser Kindheitstraum in Erfüllung gegangen ist.
Bild: Ein letztes Souvenir der EM 2024
Ich wollte schon als kleiner Bub einmal einen Match der Schweizer Nati kommentieren. Dies konnte ich erfreulicherweise während der Fussballeuropameisterschaft 2024 gleich vier Mal machen. Auch wenn es anstrengend war, ich würde es jederzeit wieder tun und freue mich schon jetzt auf die nächste WM in zwei, respektive EM in vier Jahren. Bis dahin heisst es jetzt aber erst einmal warten und wieder vor dem Fernseher mitfiebern.
Diese Diplomarbeit entstand im Rahmen meiner journalistischen Ausbildung am MAZ in Luzern. Die Kernarbeit besteht aus diesem Radio-Feature:
Audio: Diplomarbeit: „Meine Odyssee an der Fussball-EM“ auch zum Hören